Schweigegang

„Von den 93 Juden, die zwischen 1933 und 1945 in Hürth lebten, sollten am Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nur zwölf überleben“, berichtete Hürths Stadtarchivar Michael Cöln und verwies in seiner Ansprache auf ein Interview mit der Zeitzeugin Hedwig Heller aus dem Jahr 1989.

Demnach sei die Metzgerei von Albert Heidt und die angrenzenden Räume an der Luxemburger Straße, wo sie als Haushaltsgehilfin und ihr Mann Josef als Metzger gearbeitet hatten, während der Kristallnacht völlig zerstört worden. Die Aktion wurde von einem Trupp Nazis, die aus Kalscheuren gekommen waren, ausgeführt. Vor dem Haus sind sie über Werner Heidt, der gerade aus der Schule kam, hergefallen und haben ihn auf der Straße zerschlagen und zertreten. Die Mutter ist hinausgelaufen und hat die Kerle von Werner losgerissen. Sie haben daraufhin alles im Geschäft zerstört, anschließend dem alten Heidt aufgelauert, als dieser vom Schlachthof aus Köln zurückkehrte, ihm das Nasenbein eingeschlagen und ihn abgeführt. Ähnliche Verwüstungen richteten sie in unmittelbarer Nähe in der Metzgerei von Fritz Heidt, dem Bruder von Albert Heidt, in der Kirchstraße, der jetzigen Severinusstraße, an.
Von hier aus ging es mit dem Lastwagen nach Alstädten zu Ludwig Berg. Der Viehhändler und Metzger war bis zur Auflösung der Synagoge 1937 Vorsteher und Schächter der Hürther Synagogengemeinde. Doch hier war bereits ein anderer Trupp tätig geworden, sämtliches Mobiliar und Hausrat sowie Lebensmittelvorräte lagen bereits zerstört auf dem Hof der Bergs.
Ludwig Berg wurde von einem Polizisten die Alstädter Hauptstraße hinuntergeführt und von der fanatisierten Menge immer wieder geschlagen.

Foto: Pütz

Nach einer Gedenkminute zogen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung in einem Schweigegang in Richtung des Platzes „An der alten Synagoge“. Auf dem Weg dorthin legten sie vor dem Haus Nummer Sieben in der Pastoratstraße einen Zwischenstopp ein. Dort befinden sich Gedenksteine für Regina Kaufmann und ihren Sohn Isidor. Wie Bettina Tanneberger von der Hürther Brücke der Kulturen erzählte, betrieben beide nach dem Tod ihres Gatten und seines Vaters Isaak die dortige Metzgerei seit 1914 weiter. Isidor flüchtete im September 1938 nach Brüssel und zwei Jahre später nach Frankreich. Am 10. August 1942 wurde er mit einem Transport aus Südfrankreich in Auschwitz eingeliefert und dort einen Monat später ermordet. Mutter Regina wurde am 15. Juni 1942 nach Theresienstadt in Tschechien deportiert und starb dort im Dezember desselben Jahres. „Rassismus dürfen wir nicht totschweigen“, mahnte Bettina Tanneberger.
Am Platz „An der Alten Synagoge“ legten Bürgermeister Dirk Breuer und Ortsvorsteher Thomas Fund im Beisein von Stadtarchivleiter Michael Cöln einen Gedenkkranz nieder.
Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Schweigegangs zündeten zum Gedenken Kerzen an. Musikschulleiter Michael Schumacher begleitete die Versammlung musikalisch mit Trompetenspiel.
Breuer hob die große Bedeutung jüdischen Lebens für die Gesellschaft seit 1700 Jahren in Deutschland hervor. „Die Vergangenheit, jene schrecklichen Tage, an die wir heute erinnern, diese Vergangenheit können wir nicht ändern. Aber wir können dafür sorgen, dass wir in unserer Gegenwart in Hürth, in einem Land, in einer Welt leben, in der alle Menschen, unabhängig von religiöser und politischer Überzeugung, unabhängig von Aussehen und ethnischer Zugehörigkeit, in der alle Achtung, Freiheit und Sicherheit finden und in der die Bürgerrechte und die Würde eines jeden Menschen gewahrt bleiben“, mahnte Breuer.